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„Erzähl amal“ Berni Wagner über Männlichkeit: „Das Patriarchat verstümmelt Männer“

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„Man lebt nur einmal“ – Kabarettist Berni Wagner über Männlichkeit, Humor und das Loslassen alter Rollenbilder

Was haben Fischkostüme, Punk-Rock-Freundschaften und das Patriarchat gemeinsam? In der neuesten Folge des White Ribbon Podcasts „Erzähl mal“ verbindet Kabarettist Berni Wagner diese Fragen zu einem ehrlichen, persönlichen und manchmal schönungslos lustigen Gespräch über das, was Männlichkeit wirklich bedeutet – und was sie uns nimmt.

Von der Bühne in der Volksschule zur großen Bühnenpräsenz

Berni Wagner, 1991 in Linz geboren und in Gallneukirchen aufgewachsen, entdeckte seine Leidenschaft für das Performen bereits in der Grundschule. In einer Montessori-orientierten Schule durfte er jährlich in Theaterprojekten mitspielen – und erlebte dort das erste Mal, was es bedeutet, auf einer Bühne zu stehen und echte Verbindung zu erzeugen. „Da war eine ganz eigene magische Stimmung“, erinnert er sich. Parallel dazu entdeckte er über seine Onkel das Kabarett – Josef Hader, Otto Waalkes, Helge Schneider. Der Rest ist Geschichte: Heute zählt Berni Wagner zu den bedeutendsten Kabarettisten Österreichs, ausgezeichnet mit dem Österreichischen Kabarettpreis 2022 für sein Programm „Galápagos“.

Schüchtern & rebellisch: Das Paradox des jungen Berni

Wer Berni Wagner auf der Bühne sieht, denkt nicht sofort an ein schüchternes Kind. Genau das war er aber. „Ich war gern im Mittelpunkt, aber zugleich sehr, sehr schüchtern – und das bin ich bis heute“, sagt er. Die Schulzeit beschreibt er als sozial komplex: In der Hackordnung irgendwo in der Mitte, mit einem Sportlehrer, der ihm wirklich Angst einjagte, und Freundschaften, die ihn gerettet haben. Insbesondere seine engen Freundschaften – auch zu Mädchen, was er als nicht selbstverständlich einstuft – gaben ihm einen sicheren Boden, von dem aus er die rigiden Regeln der Männlichkeit hinterfragen konnte. Musik und ein bewusst gewählter Stil halfen ihm, sich zu verorten und bewusst gegenüber sozialen Erwartungen zu positionieren.

Punk Rock als Schutzschild – und seine Grenzen

Als Jugendlicher entwickelte Berni eine Art Feindseligkeit gegenüber sozialen Normen. Er nennt es selbst eine Phase, in der er „antagonistisch“ war – und in der er andere mit seinem Überlegenheitsgefühl vor den Kopf stoßen konnte. Heute sieht er das klar: Es war ein Schutzmechanismus, geboren aus Schüchternheit und der Angst, nicht akzeptiert zu werden. Der Unterschied zwischen systemischer Konfrontation und persönlicher Herablassung war damals noch nicht klar. Heute schon. Auch das Thema Provokation kehrt auf erfrischende Weise wieder: Mit seinem besten Freund küsste er auf Zeltfesten – um reaktionäre Besucher zu provozieren. Manchmal mit überraschenden Ergebnissen.

Traditionelle Männlichkeit als „Todeskult“ – eine ernste Analyse

Der Kerngedanke des Gesprächs ist so klar wie verstörend: Traditionelle, soldatische Männlichkeit wurde historisch gezielt konstruiert, um Männer kriegstauglich zu machen – gefühllos, hart, gefährlich. „Das ist Verstümmelung“, sagt Berni Wagner. Abhärtung im schlechtesten Sinne. Das Ergebnis: Generationen von Männern, die einen Teil ihrer Menschlichkeit verloren haben. Nicht, weil sie so sind – sondern weil ein System sie so gemacht hat. Dieses Bewusstsein ist kein Vorwurf an einzelne Männer, sondern eine Einladung: die Strukturen zu erkennen, zu benennen und schrittweise loszulassen.

„Ich bin nicht das Vorbild“ – Selbstreflexion ohne Selbstgerechtigkeit

Einer der stärksten Momente des Podcasts ist Bernies explizite Weigerung, als „feministische Ikone“ oder Vorzeige-Mann aufzutreten. Der Grund ist tief: „Wenn ich glauben würde, ich wäre fertig, dann müsste ich aufhören, an mir zu arbeiten.“ Für ihn ist reflektierte Männlichkeit kein Ziel, sondern ein lebenslanger Prozess. Diese Haltung ist selten und wertvoll – sie macht Fortschritt möglich, ohne Anderen vorzuschreiben, wie sie zu sein haben. Stattdessen arbeitet er still an sich selbst, stellt unbequeme Fragen – zum Beispiel darüber, ob er bei Benefizveranstaltungen seinen Platz für Kolleginnen freilassen sollte – und findet nicht immer einfache Antworten.

Die Rolle von Humor: Bühne als Schutzraum und Spiegel

Kabarett ist für Berni nicht nur Unterhaltung. Es ist der Ort, wo er auf sich raus kann, ohne den Druck, im Alltag „extrovertiert“ sein zu müssen. Die Bühne schafft einen Raum für Ehrlichkeit, für Brüche und Widersprüche – genau jene Widersprüche, die Männlichkeit oft ausmachen. Gleichzeitig weiß er, dass Humor eine Grenze hat: Er kann Dinge angreifbar machen, aber nicht heilen. Gesellschaftliche Veränderung braucht mehr als einen guten Witz.

Abschluss: Das Patriarchat hinter sich lassen – als Akt der Selbstliebe

Bernies abschließende Botschaft an die Zuschauer—und auch an sich selbst—ist einfach und durchdringend: „Das Patriarchat ist darauf ausgelegt, uns zu verhärten und uns weniger menschlich zu machen. Wenn man nur einmal lebt, sollte man vielleicht so sehr Mensch sein, wie es möglich ist.“ Das ist keine naive Utopie. Es ist eine pragmatische, ehrliche Einladung – zu sich selbst, zu anderen Männern, und zu einer Welt ohne Gewalt.

White Ribbon ist die weltgrößte Bewegung von Männern und Burschen gegen Gewalt an Frauen. In Österreich setzt White Ribbon auf Prävention durch Workshops, Kampagnen und Bildungsarbeit in Schulen, Unternehmen und Sportverbänden. Mehr Infos unter www.whiteribbon.at
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