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„Erzähl amal“ Podcast: Ali Mahlodji – über Wut, Vorbilder und die Wahl zwischen Radikalisierung und Resilienz

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Erzähl mal Podcast, Episode 2  |  Interview mit Ali Mahlodji

Er bezeichnet sich selbst als „Vordenker, Vater, Feminist“. Ali Mahlodji, 1981 in Teheran geboren, kam als Zweijähriger als Flüchtlingskind nach Österreich, wuchs im Flüchtlingsheim auf, brach die Schule ab, stotterte jahrelang und hatte über 40 verschiedene Jobs. Heute ist er CEO von futureOne, 4-facher Bestseller-Autor, hält jährlich über 150 Keynotes weltweit und gründete whatchado – Europas größte Berufsorientierungsplattform für Kinder. In der zweiten Episode des Podcasts „Erzähl mal“ von White Ribbon Österreich spricht er über das, was ihn wirklich geformt hat.

Eine Kindheit zwischen Flucht, Rassismus und der Frage: Wer bin ich?

Aufwachsen im Flüchtlingsheim, von Neonazis verfolgt werden, weil man die falsche Haarfarbe hat – das war Alis Kindheit im Wiener Arbeiterbezirk Simmering. Mit 13 Jahren begannen sich seine Eltern zu scheiden, sein Vater landete in der Psychiatrie, und Ali begann zu stottern. So stark, dass er bis ins Alter von 22 Jahren nicht richtig sprechen konnte.

Was ihn in dieser Zeit gerettet hat, war zunächst seine Mutter – und dann Bücher. Im Virgin Megastore und in der städtischen Bücherei verschlang er Autobiografien von Underdogs: Richard Branson, Menschen, die aus dem Nichts etwas aufgebaut hatten. „Wenn der das hinbekommen hat, könnte das auch bei mir sein“ – dieser Gedanke wurde zu seiner Lebensgrundlage.

Die Mutter als erste feministische Lehrmeisterin

Eine Szene aus dem Gespräch bleibt besonders hängen: Der junge Ali kommt nach Hause und sagt beiläufig „die ganzen Weiber in der Schule“. Seine Mutter hält sofort inne. „Schau mal – deine Mutter ist eine dieser Weiber. Würdest du mich so nennen?“ Nein. „Aber sind ja alle so? Kennst du alle?“

Dieser Moment illustriert, was Ali sein ganzes Leben prägte: die Fähigkeit, Verallgemeinerungen sofort zu hinterfragen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einer konkreten Gegenfrage, die Logik und Empathie zusammenbringt. Seine Mutter lehrte ihn, immer zwischen der Person und ihren Taten zu unterscheiden – auch bei denen, die ihn verletzten. „Die wurden so nicht geboren.“ Das war kein naiver Idealismus. Das war eine Technik, die ihn vor Vergeltung und Verholen bewahrte.

Radikalisierung als reale Alternative – und warum Vorbilder entscheiden

Ali beschreibt, wie er in seiner Jugend miterlebte, wie sich viele seiner Altersgenossen radikalisierten. Nicht weil sie böse Menschen waren, sondern weil sie keine Vorbilder hatten, die ihnen zeigten, wie man mit Wut, Demnütigung und Ohnmacht umgeht. Wer heute jung und wutend ist, findet im Internet sofort Antworten – von Stimmen, die erklären, dass alle anderen schuld sind und dass Gewalt und Dominanz die Lösung sind.

Der Verweis im Gespräch ist eindeutig: Figuren wie Andrew Tate füllen ein Vakuum, das entsteht, wenn junge Männer keine echten Vorbilder haben. Alis Botschaft: Wir müssen dieses Vakuum füllen – mit echten Geschichten, echten Männern, die zeigen, dass Verletzlichkeit keine Schwäche ist, sondern der Anfang von Stärke.

Wut als Energie – die drei Wege und warum einer in die Gewalt führt

Ali beschreibt drei Möglichkeiten, mit Wut und Frustration umzugehen. Der erste Weg richtet sich gegen sich selbst: Selbstzweifel, Depression, im schlimmsten Fall Selbstverletzung. Der zweite Weg ist Stagnation – das Einfrieren, die Schockstarre, die den Körper langsam zerstört. Der dritte Weg – der konstruktive – ist, die Energie in etwas zu lenken: in Kreativität, in Gemeinschaft, in Veränderung.

Ali hat aus seiner Wut auf das österreichische Bildungssystem eines der erfolgreichsten Bildungs-Startups Europas gebaut. whatchado – Europas größte Berufsorientierungsplattform für Kinder – entstand buchstäblich aus Frustration. „Immer wenn ich wütend bin, entstehen Unternehmen.“ Das ist kein Selbsthilfe-Klischee. Das ist eine konkrete Entscheidung: Wohin geht diese Energie?

Emotionale Regulation als Schutz vor Gewalt – die Box-Atemtechnik

Im Gespräch erklärt Ali eine Atemtechnik, die er sein Leben lang trainiert hat: die sogenannte Box-Atmung. Vier Sekunden einatmen, vier Sekunden halten, vier Sekunden ausatmen, vier Sekunden halten – vier Runden. Diese Technik zwingt den Körper in einen regulierten Rhythmus und signalisiert dem Nervensystem: Alles ist unter Kontrolle.

Warum ist das relevant für Gewaltprävention? Weil Gewalt fast immer in Momenten des Überwiegenden Emotionalen entsteht – wenn Wut, Scham oder Ohnmacht übermächtig werden und kein Werkzeug zur Verfügung steht, um sie zu regulieren. Emotionale Kompetenz ist nicht nur ein Persönlichkeitsmerkmal – sie ist ein Schutzfaktor. Für einen selbst und für andere.

Krieg im Iran, kollektive Ohnmacht und das schnellste Mittel gegen Depression

Ali schildert eindringlich, wie ihn die Nachrichten über Angriffe auf den Iran emotional ausgeknockt haben – seine Familie lebt dort. Zwei Tage lang war er nicht mehr bei sich. Und dann: Akzeptanz. Handlung. Fokus auf das, was er beeinflussen kann. Mehr Termine. Mehr Gespräche. Mehr Präsenz.

Sein persönlicher Trick, den er weitergibt: „Je schlimmer dein Leben wird, umso mehr musst du Dinge feiern.“ Und das schnellste Mittel aus einer Downphase ist, sofort etwas Gutes für jemand anderen zu tun. Ohne Bedingung. Gehirnscans zeigen: Wenn wir für andere gut sind, aktivieren sich dieselben Gehirnareale wie bei Freude. Das ist keine Romantik. Das ist Neurobiologie.

Die Gesellschaft als Spiegel: Wer zeigt jungen Männern, wie es geht?

Ali bringt es auf den Punkt: 60 % der persönlichen Entwicklung hängen vom Umfeld ab. Wer niemanden hat, der an ihn glaubt, schafft es kaum alleine. Aber das bedeutet auch: Jeder von uns kann diese Person für jemand anderen sein. Der Nachbar. Der Lehrer. Der ältere Bruder. Der Kollege.

Ali fordert keine großen Gesten. Er fordert Präsenz. Jemanden zu sehen. Zu fragen: Was brauchst du wirklich? Und dem jungen Mann gegenüber zu zeigen, dass Männlichkeit nicht bedeutet, Gefühle wegzudrücken – sondern sie zu kennen, zu benennen und konstruktiv mit ihnen umzugehen.

Fazit: Ein Gespräch, das Hoffnung macht

Ali Mahlodjis Geschichte ist das Gegenteil einer einfachen Erfolgsgeschichte. Sie ist eine Geschichte voller Brüche, Scham, Wut und Einsamkeit – und davon, wie man trotzdem oder gerade deshalb zu jemandem wird, der anderen den Weg zeigt. Für White Ribbon ist sein Gespräch ein Beweis: Männer, die Verletzlichkeit zulassen, die Gefühle regulieren können und die lernen, Wut in Kraft zu verwandeln – diese Männer produzieren keine Opfer. Sie schaffen Verbindung.

Das ganze Gespräch gibt es auf YouTube und überall, wo es Podcasts gibt.

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Über White Ribbon Österreich

White Ribbon ist die weltgrößte Bewegung von Männern und Burschen gegen Gewalt an Frauen. In Österreich setzt White Ribbon auf Prävention durch Workshops, Kampagnen und Bildungsarbeit in Schulen, Unternehmen und Sportverbänden. Mehr Infos unter www.whiteribbon.at

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