„Erklär amal“: Wut & Aggressionsmanagement bei Männern
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WeiterlesenEr hat Rocky gespielt. Quasimodo. Alban in „La Cage aux Folles“ – und das mit lackierten Fingernägeln. Drew Sarich, amerikanischer Musical-Star und seit über 20 Jahren Wahlwiener, ist kein Mann, der sich in Schubladen drängen lässt. In der neuesten Folge des White Ribbon Podcasts „Erzähl mal“ spricht er mit einer Offenheit, die man selten hört: über Mobbing in der Schule, darüber, was es bedeutet, wirklich zuzuhören, und warum seine Lebensphilosophie so simpel wie radikal ist.
Drew Sarich wächst in St. Louis, Missouri auf – als schüchternes Kind, das sich in keinem Mannschaftssport wiederfindet. Beim American Football, Baseball, Basketball fühlt er sich fremd. „Die Alpha-Mentalität – das war nichts für mich“, sagt er rückblickend. Dafür findet er seine Stimme: im Kirchenchor. Und dort begegnet ihm eine prägende Lektion: Ein älterer Mann rügt ihn vor der ganzen Gemeinde, weil sein Händedruck nicht fest genug sei. Peinlich? Ja. Aber auch wichtig. „Es war die Idee, jemandem in die Augen zu schauen, präsent zu sein, wenn man mit jemandem zu tun hat.“
Mit 12 Jahren wird Drew Sarich widerwillig ins Theater geschleppt. Am Ende weint er. „Das ist so schön – ich weiß genau, was ich mit meinem Leben machen will.“ Das Stück: Les Misérables. Was er dort erlebt, beschreibt er als religiöser als alles, was er je in der Kirche erlebt hat: Tausende Menschen, die nichts miteinander zu tun haben, schauen gemeinsam in dieselbe Richtung und haben eine gemeinsame emotionale Reaktion. Das Wunder der Kunst, sichtbar, spürbar, real. Von diesem Moment an hat er einen Plan. Und er zieht ihn durch – von St. Louis über Berlin bis Wien.
Drew und seine Frau Ann bekommen Zwillinge – Amelie und Noah. Was folgt, ist ein Balanceakt zwischen zwei Künstlerkarrieren und einem gesellschaftlichen Doppelstandard. Als Drew für seine erste Broadway-Show vier Monate alleine nach New York geht, ist Ann mit den Kleinkindern auf sich gestellt. Als sie später selbst engagiert wird und er die Kinder hütet, klingelt nach wenigen Stunden das Telefon: „Wenn du was brauchst – ich komme und helfe.“ Die Botschaft dahinter ist klar: Mama schafft das. Papa schafft gar nichts. „Das hat uns wahnsinnig viel gekostet“, sagt Drew. Und damit meint er mehr als Zeit.
Drew ist von Natur aus diplomatisch, zurückhaltend, ein geborener Vermittler. Seine Frau Ann ist das Gegenteil: direkt, dynamisch, meinungsstark. Ihre Beziehungsdynamik lautet: Sie pusht ihn heraus aus seiner Komfortzone, er ermöglicht ihr Gegenperspektiven. Und: Sie hat ihm beibringen müssen zu streiten. „Du musst mit mir streiten, weil ich wissen muss, wo du stehst“. Denn in seiner Herkunftsfamilie wurde nichts ausgetragen. Konflikte wurden vermieden, Dinge blieben ungesagt. Die Folge: Man kannte sich kaum. Die Gegenstrategie: Zuhören. Ego checken. Lachen. Auch mitten im Streit. „Wenn man über den Tisch schaut und man sieht sich – okay, wir finden uns noch.“
Als Drew Sarich die Rolle des Alban in „La Cage aux Folles“ an der Volksoper übernimmt, erlebt er etwas Unerwartetes: Er hat sich noch nie so frei gefühlt auf einer Bühne. Die Drag-Figur wird zum Superhelden – oder zur Superheldin – über die alles möglich ist. Und das ist kein Zufall: Schon mit 15 Jahren lernt er im Theaterbetrieb seine erste Drag Queen kennen – als Mensch, der die besten Partys schmeisst und bei jedem fragt, wie es ihm geht. „Die sind nett, sie lachen laut – mit denen bin ich gerne unterwegs.“ Heute trägt er lackierte Fingernägel als klares Zeichen: auch an seine Tochter, dass Männlichkeit viele Farben hat.
Am Ende des Gesprächs kommt Drew Sarich zu seiner persönlichen Lebensformel. Sie klingt simpel, ist es aber nicht: „Just don’t be a dick.“ Dahinter steckt mehr als ein Bonmot. Es ist eine Überlebensstrategie, die er als Kind entwickelt hat – weil er nicht sportlich war, nicht cool, nicht der Typ, der durch Dominanz punktet. Also lernte er zuzuhören. Kompromisse zu finden. Menschen in die Augen zu schauen. Komplimente zu geben. Offen auf Fremde zuzugehen. „Don’t be a dick bedeutet: Hör zu. Schau, ob es einen Kompromiss gibt. Gib jemanden die Hand.“ Was als Notlösung begann, wurde zur Haltung – und zu einem Modell, das in Beziehungen, auf Bühnen und in der Gesellschaft funktioniert.
Drew Sarich hat kein Manifest für neue Männlichkeit geschrieben. Er lebt sie einfach. Er war nie der Steuermann der Hackordnung. Er hat sich nie darum bemüht, möglichst männlich zu wirken. Stattdessen hat er gehört, wann er hören sollte. Er hat gestritten, wann es nötig war. Er hat geweint, wann ihn etwas berührt hat. Und er hat auf einer Bühne in Frauenkleidern gestanden – und sich dort am freiesten gefühlt. Und das ist genau das, wofür White Ribbon steht: Männer, die bereit sind, sich selbst und ihr Bild von Männlichkeit zu hinterfragen – zum Wohl aller.
White Ribbon ist die weltgrößte Bewegung von Männern und Burschen gegen Gewalt an Frauen. In Österreich setzt White Ribbon auf Prävention durch Workshops, Kampagnen und Bildungsarbeit in Schulen, Unternehmen und Sportverbänden. Mehr Infos unter www.whiteribbon.at
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