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„Euphoria“ – Wie Väter Gewalt an Söhne weitergeben

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Euphoria gehört zu den sehenswertesten Serien der letzten Jahre – nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer unverblümten Darstellung von Trauma, Sucht, Sexualität und Gewalt. Eine Szene sticht dabei besonders hervor: Cal Jacobs, der Patriarch der Familie, kommt nach Hause – sein Doppelleben ist aufgeflogen. Was folgt, ist ein Paradebeispiel für toxische Männlichkeit, psychische Gewalt und die Dynamik von Scham und Aggression. Wir bei White Ribbon Österreich haben diese Szene im Format „Schau ma` mal“ analysiert.

Sexualisierter Übergriff als Machtdemonstration – nicht als Begehren

Die Szene beginnt mit einem sexualisierten Übergriff Cals gegenüber seiner Frau. Es geht dabei nicht um Sexualität oder Begehren – das zeigen schon die Gesichtsausdrücke beider. Es handelt sich um eine klare Demonstration von Macht. Das ist kein Einzelfall: Sexualisierte Gewalt richtet sich in den meisten Fällen nicht nach Lust, sondern nach Kontrolle – nach dem Bedürfnis, über eine andere Person Macht auszuüben.

Direkt danach erwähnt Cal sein Fremdgehen – und nutzt es als Waffe. Ein verbaler Angriff, der seiner Familie zeigen soll: „Euch ist es mir egal.“ Diese Form der psychischen Gewalt ist genauso zerstörerisch wie körperliche Gewalt – und häufig schwerer sichtbar.

Scham als Motor der Gewalt – ein klassisches Muster

Was treibt Cal in diesem Moment? Sein Doppelleben – er ist homophob aufgetreten, hatte aber heimlich Sex mit trans Frauen und Männern – ist aufgeflogen. Diese Diskrepanz ist für ihn mit extremer Scham verbunden. Und genau hier liegt der Kern des Problems: Anstatt mit seiner Verletzlichkeit umzugehen, reagiert er mit Aggression.

Das ist kein Zufall, sondern ein erlerntes Muster. Männer, die in einer Welt aufgewachsen sind, in der Verletzlichkeit als Schwäche gilt, greifen in Momenten extremer Scham oft auf Gewalt zurück – weil das die einzige Möglichkeit ist, die ihnen zur Verfügung steht, um sich aus einer Position der Erniedrigung herauszuarbeiten. Gleichzeitig zeigt die Szene, wie fragil diese Form von Männlichkeit ist: Man muss sie immer wieder behaupten, immer wieder unter Beweis stellen.

Pornografiekonsum als Waffe – und warum das besonders grausam ist

Besonders brutal ist der Moment, in dem Cal den Pornografiekonsum seines Sohnes vor der gesamten Familie bloßstellt. Der Konsum von Pornografie ist etwas zutiefst Intimes. Ihn als Angriffsfläche zu nutzen, ist eine gezielte Demontage der Würde des eigenen Kindes.

Dabei ist Pornografiekonsum selbst ein Thema, über das unsere Gesellschaft kaum offen sprechen kann – weil es so schambesetzt ist. Das ist ein Problem: Denn Pornografie beeinflusst maßgeblich, wie junge Menschen Sexualität wahrnehmen und was sie von Beziehungen erwarten. Offene, urteilsfreie Gespräche – in der Familie, im Freundeskreis, in Bildungseinrichtungen – wären wichtig, um einen gesunden Umgang damit zu entwickeln. In Cals Familie geschieht genau das Gegenteil.

Intergenerationale Gewalt: Wie Nate wurde, was er ist

Nate Jacobs ist in der Serie bekannt für sein extremes Aggressionsproblem – er ist gewalttätig gegenüber Frauen, bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen. Die Cal-Szene gibt einen entscheidenden Hinweis darauf, wo dieses Verhalten gelernt wurde.

Wir sehen Nate in der Szene verstummt – nicht aggressiv, sondern hilflos. Er ist hier zunächst das Opfer. Und genau das ist ein zentraler Punkt: Junge Männer, die später Gewalt ausüben, sind sehr häufig zuerst selbst Betroffene von Gewalt. Oft sind es männliche Bezugspersonen – Väter, Onkel, ältere Brüder – die ihnen dieses Verhalten vorleben.

Es gibt einen Spruch, der das auf den Punkt bringt: „Burschen mit Problemen machen Probleme.“ Das bedeutet: Wenn wir nur auf das aggressive Verhalten reagieren, aber nicht fragen, was dahintersteckt und was diese jungen Männer eigentlich brauchen, verpassen wir den entscheidenden Ansatzpunkt für echte Veränderung.

Die klassische Verantwortungsumkehr – ein Lehrbuchbeispiel

Am Ende der Szene dreht Cal den Spieß um: Er gibt der Familie die Schuld dafür, dass es ihm nicht gut geht. Das ist eine klassische Verantwortungsumkehr – ein Mechanismus, den wir aus dem Kontext häuslicher Gewalt gut kennen.

In der Gewaltspirale gibt es nach einer Gewalthandlung typischerweise eine Phase der Scham, dann des Wiedergutmachens, dann des Aufbaus erneuter Spannung. In dieser Szene wird dieser Zyklus übersprungen: Cal geht direkt von der Gewalt zur Schuldumkehr. „Ich bin ein emotionaler Mensch, ohne euch wäre das nicht passiert.“ Diese Haltung ist nicht nur unehrlich – sie ist eine Form psychischer Gewalt an sich.

Kurzfristige Kontrolle, langfristiger Verlust

Was Cal in dieser Szene erreicht, ist eine kurzfristige Wiederherstellung seiner dominanten Position in der Familie. Er verleiht dieser Szene. Er geht als derjenige, der alle verletzt hat, aber als letztes gesprochen hat. Scheinbar „on top“.

Doch das Gegenteil ist wahr: Er verlässt das Haus als jemand, der alle Beziehungen beschädigt hat. Wer Gewalt nutzt, um kurzfristig Kontrolle zu gewinnen, verliert langfristig die Qualität seiner Beziehungen – und am Ende die Beziehungen als Ganzes. Man bleibt allein.

Was wäre die Alternative gewesen?

Die entscheidende Frage, die die Analyse aufwirft: Was wäre, wenn man frühzeitig und urteilsfrei über all das geredet hätte? Über Sexualität, über Bedürfnisse, über das, was in der Beziehung fehlt?

Natürlich ist das leichter gesagt als getan. Scham rund um Homosexualität, um sexuelle Bedürfnisse, um Verletzlichkeit – das alles ist real und tief verankert. Aber Offenheit, Urteilsfreiheit und die Bereitschaft, sich auch in der Partnerschaft wirklich zu zeigen, sind der einzige Weg, der langfristig zu echter Verbindung führt. Was in Cals Familie passiert, ist das genaue Gegenteil davon.

Fazit: Euphoria als Spiegel gesellschaftlicher Realität

Euphoria ist keine leichte Serie. Aber sie ist eine wichtige. Die Cal-Szene ist mehr als dramatisches Fernsehen – sie ist ein Lehrbuch über Scham, Machtmissbrauch, intergenerationale Gewalt und die Konsequenzen einer Männlichkeit, die keinen Raum für Verletzlichkeit lässt.

Wer die Szene gesehen hat, versteht danach ein bisschen besser, wie Gewalt in Familien entsteht, warum sie sich wiederholt – und was es brauchen würde, um diesen Kreislauf zu durchbrechen. Genau das ist der Anspruch von „Schau ma mal“: Popkultur als Einstieg in Gespräche, die wir dringend bräuchten.

Über White Ribbon Österreich & Schau ma`mal

„Schau ma`mal“ ist ein Format von White Ribbon Österreich. Wir analysieren Videos und Medieninhalte, die bei jungen Menschen gut ankommen – aus der Perspektive von Gewaltprävention und kritischer Männlichkeitsforschung. White Ribbon ist die weltgrößte Bewegung von Männern gegen Gewalt an Frauen. Mehr unter www.whiteribbon.at

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