„Euphoria“ – Wie Väter Gewalt an Söhne weitergeben
Euphoria über Intergenerationelle Konflikte: Wenn Scham zu Gewalt wird
WeiterlesenEr rockt seit 36 Jahren die Bühnen Österreichs, schrieb mit seiner Band Alkbottle die Hymnen einer ganzen Generation – und wechselte dabei selbst Windeln in der Nacht, weil seine Partnerin Epilepsie hat. Roman Gregory ist vieles: Rockstar, Kabarettist, Falco-Band-Mitglied, Feminist und engagierter Vater. In der ersten Episode des Podcasts „Erzähl amal“ von White Ribbon Österreich spricht er so offen wie selten zuvor.
Roman Gregory wuchs in Wien auf – mit Peter Alexander als frühestem Idol, einem Mikrofon, das er als Kind an die Hörmuschel des Telefons hielt, um Aufnahmen zu machen, und einer Kindheit, die alles andere als konfliktfrei war. Sein Vater war ein Prototyp des patriarchalen Hausherrn; seine Mutter unterwarf sich dessen Vorstellungen vollständig. Diese Bilder lebte Roman Jahre lang unbewusst nach.
Alkohol war allgegenwärtig. Die Familie führte zeitweise die Kantine eines Fußballvereins, und Roman erlebte hautnah, wie Sucht Familien in den Grundfesten erschüttern kann. „Ich habe gesehen, wie Alkohol eine Familie zu Fall bringen kann. Das hat sich alles in meinen Texten niedergeschlagen – das war Selbsttherapie“, erzählt er im Podcast.
Vom zwölften bis zum zwanzigsten Lebensjahr boxte Roman Gregory aktiv. Der Sport gab ihm etwas, das er zu Hause vermisste: Struktur, Konsequenz und Fokus – weit weg von der Spirale aus Trinken und Verdrängen.
„Das Boxen hat mich davor bewahrt, mit meinen Freunden herumzutreiben und zu saufen. Wenn du kämpfen willst, musst du dich ernähren, trainieren, schlafen. Du kannst keine Abkürzungen nehmen.“ Die Parallele zur Musik liegt nahe: auch dort lernte er früh, dass gottgegebenes Talent ohne Fleiß nichts bringt.
Jahrelang lebte Roman Gregory unbewusst das Leben seines Vaters nach – bis ihn eine enge Freundin mit auf einen Yogakurs nahm. Was zunächst befremdlich wirkte, wurde zum einschneidenden Erlebnis. Zum ersten Mal reflektierte er bewusst, was er lebte – und ob das seinen eigenen Vorstellungen von einem guten Leben entsprach.
„Ich habe gemerkt: Das hat nichts mit meinen Wünschen zu tun. Ich habe das Leben meines Vaters gelebt, weil ich es nie hinterfragt hatte.“ Diese Erkenntnis war der Beginn einer tiefen Auseinandersetzung mit sich selbst – und der Anfang vom Ende alter, destruktiver Muster.
Ein Schlüsselerlebnis dabei: Seine extreme Katzen- und Pferdeallergie führte er auf ein Kindheitstrauma zurück. Als Kleinkind hatte er miterlebt, wie jemand vom Pferd fiel – das löste panischen Tumult aus und manifestierte sich körperlich als Allergie. Die Selbstforschung half ihm, diesen Knoten zu lösen.
Alkbottle, die Band, mit der Roman Gregory in den 90ern kometenhaft aufstieg, war mehr als Unterhaltung. Die Texte – roh, frech, im Wiener Dialekt – verarbeiteten Gewalt, Alkohol und das Chaos einer Kindheit, die er lange nicht in Worte fassen konnte.
„Die Musik war der Spiegel meiner Seele. Anfänglich unbewusst, aber mit einer gewissen Reife erkenne ich, dass das ein wichtiges Werkzeug war, um meine Kindheit zu verarbeiten.“
Als erfahrener Insider der Rockszene hat Roman Gregory die Veränderungen der letzten Jahrzehnte hautnah miterlebt. Sexismus und Machtmissbrauch gegenüber jungen Frauen – das war lange kein Thema. Man sah es, aber schwieg.
Die Affäre rund um Rammstein hat ihn zum Nachdenken gebracht. Beim Nova Rock-Festival beobachtete er, wie junge Fans systematisch nach Konzertende abgeführt wurden. „Das war grauslich, um ehrlich zu sein“, sagt er. Er berichtet auch von einer eigenen Intervention: Als er sah, dass eine Konzertbesucherin belästigt wurde, hielt er inne und intervenierte nonverbal von der Bühne aus. Die Frau zog sich an, der Mann verschwand.
Gregorys Fazit: „Man muss ein Bewusstsein schaffen. Man kann nicht alles regulieren, aber man kann eine Kultur aufbauen, in der Grenzverletzungen angesprochen werden, bevor sie zu echten Schäden führen.“
Roman Gregory räumt nicht nur gerne die Spülmaschine ein – er stand nach der Geburt seiner Tochter jede Nacht auf, um sie zu füttern und zu wickeln. Der Grund: Seine Partnerin leidet an Epilepsie, und regelmäßiger Schlafentzug kann Anfälle auslösen. Also übernahm er ganz selbstverständlich die Nachtschichten.
„Das war für mich nie eine Frage. Du siehst, was zu tun ist, und du tust es. Und die Bindung zu meiner Tochter, die dadurch entstanden ist, ist etwas Unbezahlbares.“ Seine 18-jährige Tochter habe ihn laut eigener Aussage noch nie belogen – das größte Kompliment, das er sich vorstellen kann.
Das Bild seiner Eltern – Vater macht nichts im Haushalt, Mutter alles – hat er bewusst gebrochen. Wenn er von Hausarbeit spricht, tut er das ohne Fanfare: Es ist schlicht normal.
Am Ende des Gesprächs kommt Roman Gregory zu seinem Kernstatement – klar und unmissverständlich: „Wir Männer produzieren Opfer. Im Krieg, in der Beziehung. Das muss irgendwann aufhören. Es muss eine Gesellschaft entstehen, die auf Augenhöhe agiert – und wo sich diese Geschlechtereinteilung irgendwann ad absurdum führt.“
Für Gregory ist klar: Männer wie er – mit einer großen Außenwirkung und einer treuen Fangemeinde in traditionelleren Milieus – tragen eine besondere Verantwortung. „Es ist wichtig, dass sich Männer mit einer gewissen Reichweite auf die richtige Seite stellen. Wenn auch nur ein Prozentsatz zum Nachdenken beginnt, hat es eine starke Wirkung.“
Die erste Episode von „Erzähl mal“ ist ein Lehrstück darüber, wie tiefgreifender Wandel möglich ist – wenn man bereit ist, sich selbst ehrlich anzuschauen. Roman Gregory liefert keine perfekte Biografie. Aber er liefert etwas Wertvolleres: echte Reflexion, klare Haltung und den Beweis, dass Männer, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, keine Helden aus dem Lehrbuch sein müssen.
Das ganze Gespräch gibt es auf YouTube und überall dort, wo es Podcasts gibt.
Über White Ribbon Österreich
White Ribbon ist die weltgrößte Bewegung von Männern und Burschen gegen Gewalt an Frauen. In Österreich setzt White Ribbon auf Prävention durch Workshops, Kampagnen und Bildungsarbeit in Schulen, Unternehmen und Sportverbänden. Mehr Infos unter www.whiteribbon.at
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